Collio / Goriška Brda (IT / SL)

Am äußersten Nordostrand Italiens zwischen Österreich, Slowenien und der Adria liegt Friaul-Julisch Venetien. Im Friaul stehen knapp 20,000 Hektar unter Reben, die neben denen aus Südtirol die Top-Weißweine Italiens liefern. Die besten Weine innerhalb des Friaul kommen aus den Subregionen Collio und Colli Orientali del Friuli. Die Gegend hat kulturell italienische, slawische und österreichische Züge, die man in den Gebäuden ihrer Hauptstadt Triests sehen kann, wie in der Kulinarik; so trifft hier etwa Wiener Kaffeehauskultur mit Esterházy-Torte auf italienischen Illy-Kaffee. Der Hintergrund liegt in der wechselvollen Geschichte der Gegend begründet: 


In der Frühen Neuzeit – vor der Einigung Italiens - gab es keinen italienischen Flächenstaat und die österreichischen Habsburger konnten sich in weiten Teilen Norditaliens etablieren. Dieser Zustand wurde unterbrochen von der napoleonischen Herrschaft in Italien und letztlich nach dem Sturz Napoleons durch den Wiener Kongress 1815 wieder hergestellt. Im Rahmen von drei aufeinander folgenden Unabhängigkeitskriegen vollzog sich aus dieser Situation heraus die Einigung Italiens. Im Zuge der Märzrevolution von 1848 einigten sich wesentliche Teile Italiens in dem Bestreben die österreichische Herrschaft zu beseitigen – nach ersten Erfolgen scheiterte das Vorhaben. Im 2. Unabhängigkeitskrieg 1859 gelangt die Einigung Italiens unter der Herrschaft des Hauses Savoyen – die Habsburger und Bourbonen verloren in diesem Zuge ihre Territorien mit Ausnahme von Venetien, Trentino und Julisch Venetien. Der Dritte Unabhängigkeitskrieg 1866 endete schließlich damit, dass das österreichische Königreich Lombardo-Venetien an Frankreich übergeben wurde und anschließend an Italien. Die Gebiete um Triest und Trient gehörten am Ende des dritten Unabhängigkeitskrieges noch nicht zu Italien sondern weiterhin zu Österreich; bis 1919 gehörte Julisch Venetien zu Österreich-Ungarn und erst im Rahmen der Pariser Verträge, die den Ersten Weltkrieg formal beendeten, und wurden die Gebiete dann neu verteilt (u.a. fielen jetzt Südtirol, Istrien und Julisch Venetien Italien zu).  

Die Weltkriege trafen die Region extrem hart. Hier tobten einige der brutalsten Schlachten des I. Weltkriegs zwischen Österreich und Italien, die ebenso auf dem Gebiet des heutigen Sloweniens stattfanden. Nach dem II. Weltkrieg verlief die Grenze zwischen dem damaligen Jugoslawien und Italien mitten durch das Gebiet; italienische Winzer besaßen mit einem Mal Weinberge auf beiden Seiten des "Eisernen Vorhangs" und mussten mit ihren Traktoren die Grenze passieren, um die Feldarbeit zu machen. Nicht selten hatten aufeinander folgende Generationen verschiedene Nationalitäten und mussten sich mit österreichischen, italienischen, jugoslawischen oder slowenischen Verwaltungen herumschlagen.
 
Heute findet man Rebsorten aus der Balkan-Region und aus Kleinasien im Friaul, die über Handelswege eingeführt wurden. Daneben führten österreichische Herrscher populäre französische Sorten wie Chardonnay, Pinot Grigio oder Sauvignon Blanc ein. Auch die „Pinots“ (Grigios und Biancos) aus dem Collio sind oft etwas ganz anderes als der für den Massenkonsum angebaute „Pinot Grigio“ aus Venetien.  Im slowenischen Teil des Collio – dort Goriška Brda genannt – finden sich neben den landwirtschaftlichen Produzenten auch große Kellereigenossenschaften, die ihre Hochzeit vor der Unabhängigkeit Sloweniens 1991 hatten, als Privatbetriebe keinen eigenen Wein vermarkten duften. Die „großen Drei der autochthonen Sorten“ heißen Ribolla Gialla, Friulano und Malvasia. Friulano kam erst im 19. Jahrhundert ins Friaul hieß lange „Tocai Friulano“. Den Namen Tokaj samt gleichklingender Bezeichnungen beanspruchten schließlich ungarische Tokajer Winzer für sich, und die Sorte bekam ihren heutigen Namen. Friulano ist ein „Cousin“ des Sauvignon, daher wird die Sorte teils auch „Sauvignonasse“ genannt. Andere Bezeichnungen sind „Sauvignon Vert“ oder „Zeleni“ in Slowenien. Ribolla Gialla ist schwierig im Anbau, entwicklent wenig Alkohol, viel Säure und Extrakt. Sie wird oft auch zu Spumante verarbeitet. Malvasia (auch Malvazija oder Malvazija Istria) besitzt eine Dicke, aber weiche Schale und hat das Potenzial das typische Terroir der Gegend gut zur Geltung zu bringen. Die Mazeration auf den Schalen ist im Friaul bei Weißweinen eine alte Produktionsweise, die eine Renaissance in der Gegend erlebt (hat). Man fand heraus, dass etwa bei Ribolla die extrem dicken Schalen der Sorte Maischestandzeit brauchen, um ihre Aromen an den Most abzugeben. Heute würde man diese Art der (Weiß)Weinbereitung aus „Orange Wine“ bezeichnen. Auch die Vergärung in Tonamphoren und wenig Temperaturkontrolle und Oxidation ist hier verbreitet. Heraus kommen charaktervolle Weine mit komplexen, erdigen Aromen, die ihre Liebhaber gefunden haben. Bei den Rotweinen dominieren Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc. Der wiederentdeckte Schiopettino galt schon als ausgestorben ist heute jedoch wieder vertreten. Refosco ist eine alte Rotweinsorte, die vor allem in der Region heimisch ist; Terrano ist eine Varietät der Refosco, die v.a. im Carso (Karst) angebaut wird und auch in Istrien und Kroatien zu finden ist.


Die besten Böden bestehen aus zerfallendem Kalkgestein, das sich als komprimierter Meeresboden vor 50 Millionen Jahren hier zum Voralpenland auffaltete. Seitdem zerbröselt das Gestein langsam zu einem locker-mineralischen Boden mit wenig Nährstoffen, in dem die Rebstöcke tief wurzeln müssen und das hier „Ponca“ genannt wird (Ponca bedeutet Mergel in Friuli). Die Rebstöcke umgibt eine Kombination aus Meer und Bergen; es gibt kalte Abwinde der Alpen und die warme Seebrise aus der Lagune von Venedig. In der Region fällt bis zu dreimal mehr Regen als etwa Deutschland, das meiste allerdings im Winter und Frühjahr. In den heißen Sommermonaten sorgen die warmen Winde für trockene Verhältnisse.